08.02.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Die Halbwertzeit von Links
Das Internet wächst nicht nur unbändig, es zerfällt auch. Forscher haben jetzt erstmals in einer Studie die Halbwertzeit von verfügbaren Web-Inhalten gemessen.
Der akademische Nutzen des World Wide Web wird durch seine Schnelllebigkeit eingeschränkt. Zwei amerikanische Forscher haben systematisch untersucht, wie schnell Hyperlinks «verfallen». Das Ergebnis ihrer Studie: Die Verknüpfungen haben eine Halbwertzeit von 55 Monaten.
Wechselnde URLsDer Hintergrund: Die Adressen (URLs) vieler Seiten ändern sich binnen kurzer Zeit oder die Seiten werden gänzlich vom Netz genommen. Diese Erfahrung machten John Markwell und David Brooks von der
University of Nebraska in Lincoln. Einen ganzen Sommer lang hatten die beiden Forscher an Webseiten für Biochemie-Kurse gearbeitet. Aber noch vor Beendigung der Arbeit mussten sie feststellen, dass einige der mühsam gesammelten Links schon wieder ungültig waren.
Frustriert wandten die Forscher sich an ihre Kollegen, die bereits ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. «Aber niemand konnte mehr als anekdotenhafte Informationen liefern», so Markwell. «Daher entschieden wir uns, die Angelegenheit weiter zu verfolgen und quantitativ zu erfassen.» Im Laufe der nächsten 13 Monate überprüften er und sein Kollege in regelmäßigen Abständen die Gültigkeit von 515 Links und stellten einen erstaunlichen Verfall fest.
Bildungs-Seiten sterben schnellJede sechste Adresse war innerhalb des Beobachtungszeitraums ungültig oder zumindest unbrauchbar geworden, weil sich der Inhalt der entsprechenden Website geändert hatte, berichten Markwell und Brook in einem Artikel, der demnächst im «Journal of Science Education and Technology» erscheinen wird. Am stärksten betroffen waren akademische Webseiten mit der Endung «.edu», gefolgt von «.org» und «.com». Angebote der US-Regierung mit der Endung «.gov» erwiesen sich dagegen als besonders beständig.
Die Forscher vergleichen den Verfall der Hyperlinks mit dem radioaktiven Zerfall. Links haben demnach eine Halbwertszeit von 55 Monaten. Innerhalb dieser Zeit wird die Hälfte der Verknüpfungen unbrauchbar, von den verbliebenen Links trifft es in den nächsten 55 Monaten wiederum die Hälfte und so fort. Als Ausweg aus der Misere schlagen Markwell und Brook vor, dass akademische Fachgesellschaften die gelungensten Wissenschaftsseiten des WWW auf ihre Server übernehmen und so konservieren. Die Auswahl der Seiten könnte, so schlagen sie vor, nach dem «Peer Review»-Verfahren erfolgen, mit dem Fachzeitschriften über Annahme oder Zurückweisung von Artikeln entscheiden. (nz/jkm)